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De Chirico

Magische Wirklichkeit
Giorgio de Chirico, Le Cerveau de l'enfant / The Child's Brain, 1914, © VG Bild-Kunst Bonn, 2019, Photo: Moderna Museet / Stockholm

Presseinformation

Erstmalig ist in Hamburg mit Magische Wirklichkeit eine Ausstellung zu dem italienischen KĂŒnstler Giorgio de Chirico (1888–1978) zu sehen, der als BegrĂŒnder der Pittura Metafisica zu einem der wichtigsten VorlĂ€ufer des Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit wurde. Im Zentrum der groß angelegten Schau steht mit der metaphysischen Malerei die bedeutendste Werkgruppe, die de Chirico schuf. Die zwischen 1909 und 1919 geschaffenen, ikonischen Bilder von sonnendurchfluteten, leeren PlĂ€tzen, in denen die Zeit still zu stehen und das scheinbar AlltĂ€gliche mit einer neuen Bedeutung aufgeladen scheint, wirken heute besonders eindringlich und aktuell. Die Hamburger Kunsthalle prĂ€sentiert mit allein 35 seiner metaphysischen Bilder eine bislang ungesehene QualitĂ€t und Dichte dieser teils zuvor kaum gereisten Meisterwerke: Darunter sind namhafte amerikanische und europĂ€ische Institutionen wie das Museum of Modern Art und die Pierre and Tana Matisse Foundation in New York, das Art Institute of Chicago, das Chrysler Museum of Art in Norfolk, Virginia, die Menil Collection Houston oder das Philadelphia Museum of Art, die Peggy Guggenheim Collection in Venedig, die Tate London und das Moderna Museet in Stockholm sowie verborgene Privatsammlungen unter anderem aus Italien und der Schweiz. Die Leihgaben kommen erstmals in die Kunsthalle und treffen auf ausgewĂ€hlte SammlungsbestĂ€nde. Insgesamt sind ĂŒber 80 Meisterwerke aus ĂŒber 50 Sammlungen weltweit von de Chirico, Carlo CarrĂ , Giorgio Mo-randi, Alberto Magnelli, Alexander Archipenko, Pablo Picasso sowie von Arnold Böcklin und Max Klinger zu entdecken. Dies ist trotz der derzeit durch die Pandemie vorherrschenden EinschrĂ€nkungen und nur durch eine jahrelange Recherche und kollegiale Zusammenarbeit auch in Krisenzeiten möglich geworden.

In der Ausstellung werden die magisch wirkenden Bilder de Chiricos – und in seiner Folge Carlo CarrĂ s und Giorgio Morandis – prĂ€sentiert, die eine RealitĂ€t jenseits des Scheins sichtbar machen wollten und damit die Grundlagen fĂŒr eine »andere Moderne« legten. Zugleich werden die Quellen dieser neuen Haltung und die Bedeutung der verschiedenen kulturellen EinflĂŒsse Europas auf den in Griechenland geborenen und vielgereisten italienischen KĂŒnstler nachvollziehbar: die griechischen Mythen, mit denen er aufwuchs; die Auseinandersetzung mit der deutschen Philosophie – unter anderem von Friedrich Nietzsche – und mit Hauptwerken der deutschen SpĂ€tromantik wĂ€hrend seiner Studienzeit in MĂŒnchen; die Licht- und Raumerfahrungen auf italienischen PlĂ€tzen; die Begegnungen mit der französischen Avantgarde in Paris und schließlich sein MilitĂ€rdienst in Ferrara. Vor dem Hintergrund ihres herausragenden Bestands an Werken deutscher SpĂ€tromantik kann die Hamburger Kunsthalle spezifisch die frappierenden EinflĂŒsse von Arnold Böcklin und von Max Klinger auf de Chirico darlegen.

In dieser einzigartigen Verbindung verschiedenster europĂ€ischer EinflĂŒsse und im Angesicht des Ersten Weltkriegs wie der Pandemie der Spanischen Grippe sucht de Chirico mit seinen geheimnisvollen, realistisch-prĂ€zise prĂ€sentierten Möglichkeitswelten Unsichtbares sichtbar zu machen. Er lĂ€sst eine andere Welt jenseits des Scheins erahnen. Ihre intensive Stimmung wird erschaffen durch ĂŒberscharf gezeichnete, kulissenartige Objekte und Menschen, die wie Puppen in perspektivisch ĂŒbersteigerten, traumhaft mediterran wirkenden, nur mit Sonnenschein und bodenlosen Schatten gefĂŒllten RĂ€umen agieren. Brunnen oder große Uhren verweisen auf die ewige Wiederkehr des Gleichen und hinterfragen das Konzept der Zeit wie des Raumes. De Chiricos Bildsprache entlarvt die Doppeldeutigkeit der Zeichen. Sie zeigt das Scheinbare unserer RealitĂ€t auf. Diese Vieldeutigkeit, die VirtuositĂ€t und die vorweggenommene VirtualitĂ€t beeindrucken heute besonders, zumal sich die Raum-, Zeit- und Bilderfahrungen von menschenleeren, unheimlich wirkenden PlĂ€tzen 2020 durch die weltweiten Ausgangs- und KontaktbeschrĂ€nkungen aktualisiert haben. So können die 100-jĂ€hrigen Meisterwerke heutigen Betrachter*innen auch als Spiegel dienen, um die Erfahrungen mit der eigenen aktuellen – Ă€ußeren wie inneren – Wirklichkeit zu reflektieren.

Zur Ausstellung ist ein reich illustrierter Katalog erschienen, der zahlreiche Essays von international renommierten Expert*innen beinhaltet. Er legt neueste Forschungsergebnisse zu de Chiricos LebensumstĂ€nden vor – die zur Entwicklung der Metaphysischen Malerei fĂŒhrten – und zu EinflĂŒssen der deutschen SpĂ€tromantik und Philosophie. Die Publikation (Hirmer Verlag GmbH, MĂŒnchen) ist im Museumsshop zum Preis von 29 Euro erhĂ€ltlich und kann online ĂŒber www.freunde-der-kunsthalle.de bestellt werden.

Begleitend zur Ausstellung sind zudem zahlreiche digitale Angebote ĂŒber die Website der Hamburger Kunsthalle ab dem 21. Januar 2021 abrufbar: Die live gestreamte Ausstellungseröffnung, eine fotografische Dokumentation der RĂ€ume, eine Bildergalerie zu ausgewĂ€hlten Werken und ausfĂŒhrliche Texte, in denen die verschiedenen Ausstellungskapitel vorgestellt werden. Auf den facebook-, twitter- und Instagram-KanĂ€len wird ebenso inklusive Clips, GIFs, einem AR-Filter aus Bildelementen von de Chiricos GemĂ€lden und unter den Hashtags #hamburgerkunsthalle; #GiorgioDeChirico und #magischeWirklichkeit vermittelt. In der App der Hamburger Kunsthalle steht u.a. eine Audiotour mit 20 ausgewĂ€hlten Meisterwerken gratis zum Download bereit. Ein ca. 4 MinĂŒtiger Film (ab dem 5. Februar online) macht unter anderem die besondere rĂ€umliche Inszenierung der Ausstellung erfahrbar. Im Rahmen des (Online-)Veranstaltungsprogramms mit VortrĂ€gen, GesprĂ€chen, Konzerten und Seminaren geben u. a. de Chirico-Spezialisten und renommierte Autoren unterschiedliche Perspektiven auf die Ausstellung der Kunsthalle.

DE CHIRICO. Magische Wirklichkeit ist in einer erstmaligen Kooperation der Hamburger Kunsthalle mit den Pariser MusĂ©es d’Orsay et de l’Orangerie entwickelt worden. Die dort unter enormen Besucher*innenzuspruch gezeigte Schau wird in Hamburg erweitert prĂ€sentiert, reflektiert auch die UrsprĂŒnge der Arte Metafiscia und macht deren Kennzeichen durch eine atmosphĂ€risch dichte Rauminszenierung erfahrbar.

In Kooperation mit den Pariser MusĂ©es d’Orsay et de l’Orangerie 

 

Erster BĂŒrgermeister Dr. Peter Tschentscher: »Dem Team der Kunsthalle und ihren internationalen Partnern ist es trotz schwieriger Bedingungen gelungen, eine außergewöhnliche Ausstellung zu organisieren. Sie kann digital besucht werden. Die Bilder des italienischen Malers Giorgio de Chirico waren wegweisend fĂŒr die Kunst des 20. Jahrhunderts und ermöglichen zugleich einen neuen Blick auf die außergewöhnlichen Ereignisse, die uns heute beschĂ€ftigen.«

S.E. Luigi Mattiolo, Botschafter der Italienischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland: »Ich freue mich sehr, dass Giorgio de Chirico erstmalig in der Hamburger Kunsthalle gewĂŒrdigt und einem breiten Publikum die Tragweite der italienischen pittura metafisica verdeutlicht wird. In den heutigen Krisenzeiten erscheint uns eine Welt mit leeren PlĂ€tzen und Straßen, wie sie von de Chirico beschrieben wird, aktueller denn je und lĂ€sst uns die Bedeutung des gesellschaftlichen Lebens und des zwischenmenschlichen Dialogs umso mehr schĂ€tzen.«


Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Botschaft der Italienischen Republik.

Sponsor: Generali Deutschland
Gefördert von: Hubertus Wald Stiftung, Freunde der Kunsthalle e. V., Behörde fĂŒr Kultur und Medien Hamburg

Kulturpartner: NDR Kultur
Medienpartner: Hamburger Abendblatt
MobilitÀtspartner: MOIA